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Friedrich Sebastian Feichter
 Kuss                                                                                                   Rezension  I Galerie I 


 
 

Osculum, suavium,  basium...  selbst  das  Lateinische, das  sonst  eher  als Verwaltungssprache glänzt, denn als  Sprache  der Liebe - Catull  und  seine Carmina natürlich ausgenommen - kennt für den Kuss gleich mehrere Begriffe. Schließlich zieht sich die Faszination dieser Form der Begegnung durch Kulturen und Zeitalter.

Am Beginn des jüngsten Zyklus steht eine große Skulptur aus Holz und Serpentin mit dem Titel Kuss I, deren raumfüllender Gestus in einem solchen eskaliert. In den knisternden, exstatischen Bogen, der zwar aus Holz besteht, aber alles andere als hölzern ist, packt Feichter ein großes Potential erotischer und emotionaler Energie. Diese Arbeit markiert den Anfang einer Serie von "Küssen", die als Wand- oder Bodenskulpturen witzig und ironisch mit verschiedenen Varianten spielen.

Da gibt es den "Verbotenen Kuss", der nur im Verborgenen die Lippen spitzt und sein feurig-rotes Inneres offenbart, den unschuldigen Kuss, der in lilienreinem Weiß die Leichtigkeit einer Pusteblume mimt, das Küsschen, das sich aus einer soliden Basis entspringend spielerisch in die Lüfte schwingt, bis nur mehr winzige Paloma-Picasso-Lippen in die Luft küssen. Das selbstironische Potential bekommt den Skulpturen, weil sie dadurch in ihrer farbenfrohen Leichtigkeit gerade noch rechtzeitig die Kurve kratzen, ohne in die Kitschsackgasse abzudriften. Überhaupt steht die Qualität der Feichterschen Skulpturen im direkten Verhältnis zu ihrer Größe, je selbstbewusster sie Raum beanspruchen, desto überzeugender die Aussage.
Was bei diesen Skulpturen immer wieder zum neugierigen Hinfühlen reizt, ist die minutiöse Perfektion, auf die sich dieser Bildhauer in seinem Schaffensprozess einlässt, bis Holz und Stein organisch ineinander übergehen und der Wechsel zwischen kühlem Stein und warmem Holz das Wechselbad der Gefühle auch dem Tastsinn offenbart.
Insgesamt ist dieser Ausflug in die Welt der Sinnlichkeit ein gutes Gegengewicht für Feichters Arbeit, weil seine vergeistigte franziskanische Vision etwas Bodenhaftung gut verträgt. Naturharmonie und Lebenslust sind eben keine Gegensätze.

Karin Dalla Torre

 

 


 

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